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Das siebte Gedicht von Mustafa Kör

dubistschönsoschön oh du bist so schön du bist die schönste
in deinen augen kann man sich verlieren so schöne augen hab
ich nochnie sie funkeln so herrlich deine lippen sind wunder
samgeformte herrlich rosenrote glänzende lippen wirklicheinzig
artig und so küssbar deine hände deine finger oh gott wie mit
malerbleistiftengemalt rank und schlank wie reben im sonnen
licht die sich ehrrfürchtig verneigendein lachen deinentwaff
nend herzliches lachen das sorgen vertreibt einlädt neben dich
zu treten und generös zu sein wiedu du lieber liebstersanftester
soschöner mensch den ich schon immer lieb hatte ich liebedich
dich

 

Mustafa Kör

Übersetzung: Isabel Hessel

Das sechste Gedicht von Mustafa Kör

Herz auf der Zunge

 

Ich bin ein fremdes Kind das

von überallher angespült

das ABC des Schamanen spricht

 

Grenzen und Fahnen sind mir fremd

ich kenne jeden Winkel des Morgens und des Abends

wohin ich komme öffnen sich Ohren und Augen

 

Ich plaudere Sevillanisch deklamiere Spoken Words

und singe Lieder die man begreifen will

sobald man sie einmal richtig gehört

 

Doch mein Akzent mi! là. si. da. non, bro

versetzte das ان شاء الله nur so viele Baken

wie er palavernden Münder zum Schweigen bringt

 

Ach ich bin nur ein fremdes Kind

mit einer fremden Sprache das Gebärden braucht

oder Rauchzeichen um gehört zu werden

 

Jede Sprache sei ein Mensch hat man mich gelehrt

und je mehr Sprachen ich spräche

desto mehr Mensch würde ich sein

 

Mustafa Kör

Übersetzung: Isabel Hessel

Das fünfte Gedicht von Mustafa Kör

Schwarz bis zuletzt

 

Zum Baumsein braucht es heute Mut

Auch du wirst das erkennen

 

Obschon dein Los ausschlagender Kummer wurde

hegst du noch Hoffnung auf einen uralten Beginn

 

Der Schwanengesang der Schwarzen

Allein mit meinem länger werdenden schwindendem

Schatten der einst die ganze Welt in sich barg

von Legionen bis zu jungen Kraftprotzen

 

Wie wird es euch ergehen

zwischen Bergen aus Beton

wo weder Vogel noch Wolf

 

Ich bin ein alter Baum

meine Tage sind gezählt

Ein Weilchen zittre ich noch

 

Bevor ich aber gehe

verstreue ich meinen Mut

über Gottes Erde wie ein Gebet

 

 

Mustafa Kör

Übersetzung: Isabel Hessel

Das vierte Gedicht von Mustafa Kör

Minenfrauen

 

An die tiefsten Gruben

haben sie ihre Männer

abgetreten, ihre Söhne

 

Schuften im Herzen der Düsternis

wo prähistorische Kolosse ruhen

Man darf da hinabsteigen, das ist eine Sache

unversehrt wieder hinausgelangen eine andere

 

Lockruf oder Sirenengesang

Irgendetwas hat sie im Bann

Das Gold der Erde läge dort

begraben unter Myriaden von Gestein

Dort ziehen sie ihr schwarzes Brot herauf

bis blutig sie sind, sie Bröckchen husten

 

Doch so ein Frauenherz weiß mehr

Für die, die mal geboren haben

ist nichts so schwer wie zurück zu bleiben

 

In Arbeiterkreisen gebiert man

um des Brotes willen Helden, wer soll sonst

dem Dunkel trotzen, der Gefahr

 

Zwischen geschundenen Händen und Lungen

bringen sie ihr Licht schließlich heimwärts

um es über dem Esstisch auszubreiten

 

Mustafa Kör

Übersetzung: Isabel Hessel

Das dritte Gedicht von Mustafa Kör, übersetzt ins Englische

Cold Feet

 

Farewell

This is a sad goodbye

After all, a traveller needs to be on the road

Safe and sound

To and from

Loved ones

A buzzing city

 

Fare. Well.

Onwards. Whereto?

This is no journey, at least not for my kind

Spastic, idiot, senile

 

You take the hurdles as they come

What about your cold feet? And unwillingness?

 

The daily pilgrimage by rail or road

Rampant arbitrariness where gentlemen don’ t get up

but kneel down orderly

 

The anguish of day-trippers

The journey of the blind and lame

 

I will no longer fear anything

if everyone becomes disgruntled with how we treat

the needy and the stagnation in waiting rooms and stations

 

Agile or limping

Why depart if we’re going to get stranded anyway?

Stranded. Beached. Silting up

We can do it all in the ankle-deep

We want the sea

 

Übersetzung ins Englische: Astrid Alben

Das dritte Gedicht von Mustafa Kör

Schwellenangst

 

Farewell – Lebewohl

Dies ist ein Abschied des Bedauerns

Ein Reisender hat nun mal unterwegs zu sein

Gesund und wohlbehalten

Von und zu

Geliebten

Eine wummernde Stadt

 

Lebe. Wohl.

Wohlfahrt. Wohin?

Dies ist keine Reise, doch nicht für Meinesgleichen

Spast, debil, senil

 

Hindernisse nimmt man, wenn sie sich vor einem auftun

Doch wie steht es mit Hürden? Gar Gegenwind?

 

Tag für Tag dieses Ringen auf Schienen auf Asphalt

Lautstarke Willkür, wo Herren nicht aufstehen

Lieber brav davor knien

 

Der Leidensweg des Tagesausflüglers

Die Reiseroute der Lämmer und der Blinden

 

Ich werde nichts mehr fürchten

sobald es jedem ein Ärgernis ist, wie wir verfahren

mit Hilfsbedürftigen und dem Stillstand auf Bahnhöfen, in Wartesälen

 

Mobil oder behindert

Doch wozu sich noch aufmachen, da wir ohnehin stranden?

Stranden. Steckenbleiben. Zum Stillstand kommen.

Kann man mühelos im Knöcheltiefen

Wir wollen Meer

 

Mustafa Kör

Übersetzung: Isabel Hessel

Das zweite Gedicht von Mustafa Kör

Laubfall

 

Bei diesem vorzeitigen Abschied

gerät alles aus dem Takt

krähende Hähne, Kinderchöre, mein Herzschlag

 

Dein Fenster gab

den Blick frei über die Dächer

die Felder eines flämischen Dorfes

an klaren Tagen die Türme der Hauptstadt

 

Du wolltest leben

Hingst deine Jacke an einen fernen Ort

von dem keiner je gehört

 

Was macht es schon

dass Frieden herrscht

ob die Ernte gut ist

 

Erinnerungen an

alles trägt das Parfüm mit

einem Hauch von Blumen etwas Herbst

 

Die Straßenkatzen

das Mädchen von gegenüber

sie alle kennen deinen Namen

deine Geschichte vom Aufschrei bis zum Atemzug

du bist hier

Bruder, Freund, Nachbar, Kind von allen

 

Wie Laubfall im Mai

überzieht dein Geruch Dorf und Feld

verfrüht

 

Übersetzung: Isabel Hessel und das Übersetzerkollektiv von Passa Porta

 

Aftermovie Mustafa Kör wird der neue Nationaldichter

Aftermovie Mustafa Kör wird der neue Nationaldichter.

Das erste Gedicht von Mustafa Kör

an dich

 

erhebe den kopf aus dieser dunklen stunde

unser weg wird bald frei unser gang wieder leicht sein

während wir orte betreten wo von mündern

abgespartes brot uns stärkt

 

wir werden einander jetzt

worte geben und keine haben

lebendige gelenkige wörter wo wir

aufgeräumte aufgeklärte gedanken wodurch du

gekrümmt wirst um noch gerader

noch barocker dichtend zu öffnen die herzen

die zimmer und grenzen darin wir sinnieren bis

der mensch sich schließlich selbst zersetzt sich

unterwegs zu dir eine gereinigte stimme beimisst

 

erhebe den kopf

es zählen weder kronen noch folger

wir sind schon die erde zu der wir vergehen

werden auch dieses neue leben zu bändigen

verstehen denn wir die geduldigen bauern

ernten für einander für später

 

 

Mustafa Kör

Übersetzung: Isabel Hessel und das Übersetzerkollektiv von Passa Porta

Die ersten Worte von Carl Norac als Nationaler Dichter

Rede vom 29. Januar 2020 für Nationaler Dichter

 

Ich möchte mit einigen Worten auf Niederländisch einleiten; einer Sprache, die ich gerade gründlicher lerne. Ich verstehe Niederländisch zwar, spreche es aber nicht gut. Nationaler Dichter zu sein bedeutet eine intensive Reise durch Belgien. Ein Belgien, wie es ist und wie wir es uns wünschen. Auch für mich wird dies eine faszinierende Reise durch eine Sprache sein. Meine Liebe zu Flandern, die ich schon immer gespürt habe, meine Sehnsucht nach Austausch, nach Reisen im Herzen der Worte, darüber werde ich immer mehr sprechen können. Das sind meine Herausforderungen für die nächsten zwei Jahre.

 

„Nationaler Dichter, ist das kein seltsames Konzept?“, werde ich manchmal gefragt. Läuft ein solcher mit einem Blumenkranz auf dem Kopf herum? Ist er ein Vertrauter der Reichen und Mächtigen oder Mitglied einer geheimen spirituellen Gesellschaft? Ich antworte darauf immer, dass nicht dieser Titel wichtig ist, sondern das, was man mit Überzeugung und Bescheidenheit damit zu erreichen hofft. Ich bin beeindruckt von dem, was Charles Ducal, Laurence Vielle und Els Moors geschrieben und getan haben, sowie von allen Partnern, denen ich von ganzem Herzen danke, dass sie dafür gesorgt haben, dass dieses Projekt heute eine Realität in Aktion, eine Poesie in Aktion ist.

(Foto (c) Simon Bequoye)

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