„KONGO, KONGO“, das zehnte Gedicht von Lisette Lombé
KONGO, KONGO
Kongo-Leichenschauhaus,
Wie viele Leben für eine Tonne Coltan oder Kupfer?
Wie viele Kindheiten in deinen Wunden unter freiem Himmel?
Kongo-Gesang der Ratschen,
Zu wessen Füßen sich werfen, um um Frieden zu flehen, wenn selbst die Götter mit deinen Führern und den Aktionären des Geldplaneten Himmel und Hölle spielen?
Kongo-Chaos,
Was, wenn es menschlich nicht möglich ist, um mehrere Völker zu weinen, die gleichzeitig Opfer eines Völkermords geworden sind? Ich meine, mit derselben Wut. Ich meine, über so viele Jahre hinweg. Was, wenn unsere Herzen schon zu sehr von Ungerechtigkeiten durchsiebt wurden? In unseren Vierteln, in unserem Alltag, im Sumpf unserer Wahlen. Und wenn die Seltenheit der dokumentierten Bilder uns daran hinderte, uns zu mobilisieren? Geisterschreie, verschwommene Umrisse des Leidens, waldbedeckte Massengräber.
Tropisch und so riesig, dein Wald.
Kongo, Kongo, ich stelle dir diese Fragen, als wolle ich den Satz ein wenig hinauszögern, in dem zugegeben werden muss, dass der Tod eines Schwarzen uns noch immer weniger rührt als der eines hellhäutigeren Wesens.
Immer die Entschuldigung der Entfernung.
Immer Machete der Grausamkeit,
immer Stammeskämpfe,
immer umso besser.
Kongo, du bist das Geschwür und der Saft,
der Skandal und der Samen.
Du bist das Schreckgespenst und auffälliger Untergrund,
die Nostalgie der Leoparden und die saftige Mango der Findigkeit.
Tätowiert auf mein Gesicht
bist du mein Harnisch und mein offenes Geheimnis.
Kongo, ich würde gerne auf deinem höchsten Berg vor Kälte zittern in der zu leichten Kleidung des Idioten, der nicht weiß, dass es auch in Afrika schneit.
Zunge rausstrecken. Die Schneeflocken-Hostie schmecken.
Möge eine große Vergebung mich von meiner Machtlosigkeit reinwaschen.
Möge der Schock der Arglosigkeit und der Gelassenheit
mich mein Telefon berauscht von Erzen
fallen lassen.
Verbrannte Hand,
eisige Hand,
von der Welt
abgeschnittene Hand.
Und so weit das Auge reicht
Vulkane,
milchiges Licht
und keine Menschenseele.
Übersetzung: Christina Brunnenkamp

